Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für gewerkschaftliche Fragen aus Marburg zum Auftritt von Samy Deluxe bei „Gemeinsam für ein gutes Leben“ in der Frankfurter Commerzbank-Arena
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mit Erstaunen haben wir zur Kenntnis genommen, dass ein Auftritt von Samy Deluxe beim Aktionstag im Rahmen der Kampagne „Gemeinsam für ein gutes Leben“geplant ist. Wir halten den Auftritt auf Grund der inhaltlichen Ausrichtung der Single „Dis ist wo ich her komm“ vom aktuellen Album für bedenklich.
Unseres Erachtens nach widerspricht der Text des Lieds fundamental sowohl den Grundsätzen der IG Metall als auch den Inhalten der Jugendbildungsarbeit.
Wir halten es für widersprüchlich, wenn die IG Metall einerseits zu Recht die Arbeitgeber-finanzierte neoliberale Kampagne „Du bist Deutschland“ kritisiert und andererseits Samy Deluxe einlädt, der mit genanntem Rap ähnliche Inhalte propagiert: Deutschland sei laut Deluxe „schon ganz in Ordnung“ und „wir“ sollten doch nicht „immer depressiv sein“, sondern lieber „Nationalstolz“ zeigen, und uns außerdem ein Beispiel an ihm nehmen, der „mehr für Deutschland macht als der Staat“. Die Parallelen zur „Du bist Deutschland“-Kampagne sind offensichtlich: Unkritische Identifikation mit der Nation; die Vorstellung jede_R müsste etwas für sein Land tun; Konstruktion einer nationalen Wir-Gemeinschaft.
Für Samy ist offensichtlich die Nation Deutschland der Hauptbezugspunkt seiner Identität/Herkunft. Damit zeigt er, wie gut er die Kampagne „Du bist Deutschland“ verinnerlicht hat und gibt somit dem gesellschaftlich wiedererstarkten Nationalismus, der seit der WM 2006 eine neue Qualität erreicht hat, eine weitere Stimme.
So fordert Samy Deluxe:
„[…] wir fangen gern von vorne an, Schluss mit den alten Zeiten.“
Damit schließt Samy Deluxe genau an die immer wiederkehrende „Schlussstrich-Debatte“ und das vermeintliche Bedürfnis nach nationaler Identität an. Diese sei den Deutschen durch die Verbrechen im Nationalsozialismus verwehrt worden – ganz nach dem Motto, dass „wir Deutschen“ nach dem 8. Mai 1945 ganz andere Menschen geworden seien.
Die IG Metall bietet in der Jugendbildungsstätte Schliersee Jugend III-Seminare zu genau dieser Thematik an: aus der Geschichte lernen. Widersprüchlich, dass die IG Metall Künstler einlädt, die eben nicht aus der Geschichte zu lernen scheinen.
„Und wir haben kein Nationalstolz und das alles bloß wegen Adolf – ja toll schöne Scheiße der Typ war doch eigentlich’n Österreicher. […] Einen Monat waren wir kurz stolz, dann mussten wir uns wieder schämen.“
Mensch sollte sich nochmal in Gedanken rufen, dass Faschismus nicht erst durch eine Person etabliert wurde. Nationalstolz ist eine Konstruktion, die von eigentlichen sozialen gesellschaftlichen Widersprüchen ablenkt und sich damit profiliert, dass ‚das Andere‘ abgewertet wird, um die ‚eigene‘ Identität aufzuwerten. Nationalismus ist das Morphium der Nationen, Nationalstolz und Patriotismus sind oft schon die Einstiegsdrogen.
Desweiteren rappt Samy:
„[…] hier gibt es noch eine Mittelschicht zwischen Reichen und Armen. Hier gibt es noch eine Basis auf der man aufbauen kann.“
Der Bezug auf eine Mittelschicht grenzt auf Grund der neueren Gesetzgebung (Hartz IV), sowie der Zunahme prekärer Beschäftigungsformen und der Massenarbeitslosigkeit an Zynismus und mystifiziert reale soziale Verhältnisse. Damit wird auf einer „Basis“ aufgebaut, die Aufstiegschancen für alle suggeriert, die es unter den vorherrschenden Bedingungen gar nicht gibt. Dies ist eine idealisierende Vorstellung von einem verklärten Deutschland ohne soziale Spannungen.
Der Auftritt von Samy Deluxe drückt ein Problem aus, das sich in der Kampagne wiederspiegelt: Anstatt die zunehmenden sozialen Spannungen zu thematisieren und die Mitglieder aktiv in gesellschaftliche Debatten und politische Auseinandersetzungen einzubeziehen, wird von der IG Metall bedauerlicherweise eher auf den Event-Charakter gesetzt. Dies reduziert den politischen Anspruch einer solchen Kampagne.
Nicht der Künstler an sich und seine Musik, sondern die gesellschaftlichen Vorstellungen, die durch den Inhalt des Raps reproduziert werden, sind problematisch. Samys Rap mag zwar als konstruktive Anregung zu einer Debatte über „Deutschland“ gemeint sein (siehe auch seinen Blog), verkommt aber auf Grund der hier dargelegten Inhalte zu einer beschönigenden, unreflektierten Farce.
Gerade am 17. Jahrestag von Rostock/Lichtenhagen (am 22. August 1992 griffen Rechtsextreme ein sog. Asylbewerberheim an) und wegen der aktuell vermehrten rechtsradikalen Übergriffe – auch auf Gewerkschaftsmitglieder – ist es unverzichtbar jeder Art von Nationalismus entschieden entgegen zu treten.
Gemeinsam für ein gutes Leben heißt für uns: internationale Solidarität statt nationalistischer Besitzstandswahrungen!
Ich stimme euch voll und ganz zu!
An wen wurde das alles geschickt?