Archiv für Mai 2010

Prekärer geht immer: Das Institut für Politikwissenschaft kürzt sich selbst – auf Kosten von Tutor_innen, wissenschaftlichen Hilfskräften und Studierenden

Die Linke Fachschaft 03 und die Hilfskraftinitiative haben einen Flyer zu den Arbeitsbedingungen der prekär Beschäftigten am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg verfasst:

Wie schon bei der Streichung der Professur Nachfolge Deppe (Internationale Politische Ökonomie mit Schwerpunkt Europäische Integration) 2007 erweist sich das Institut für Politikwissenschaft auch im Jahr 2010 als Musterschüler im Fach Vorauseilender Gehorsam. In seiner Sitzung am 19.05.2010 beschloss es, in seinen Lehrsondermittelantrag* für das kommende Wintersemester eine Prioritätenliste einzubinden. Darin legte es fest, auf welche Stellen es verzichten könnte – auf Basis der Vermutung, dass im kommenden Semester aufgrund der durch den neuen Hochschulpakt gekürzten Grundfinanzierung* weniger Geld zur Verfügung stehe. Eine Reihe bisher bestehender Tutor_innenstellen wurden bei diesen Überlegungen gleich ganz vergessen – worin sich exemplarisch das Standesdenken im Direktorium zeigt. Dafür, dass von diesen Jobs auch Zukunftsperspektiven abhängen – etwa die Studienfinanzierung – fehlt ihm offenbar jegliches Verständnis. Auch für die am Institut beschäftigten wissenschaftlichen Hilfskräfte bringt die Prioritäten­liste große Probleme mit sich. So sieht sie vor, im Falle von Kürzungen Hilfskräfte nur noch für Pflichtseminare anzustellen. Da diese nur alle zwei Semester angeboten werden, wären einige Hilfskräfte jedes zweite Semester arbeitslos. Ihre ohnehin prekäre Perspektive – Verträge werden in der Regel nur von Semester zu Semester vergeben und das Einkommen reicht kaum zum Auskommen – wird damit vollends untragbar.

Die Befürchtung, dass der neue Hochschulpakt gravierende Konsequenzen für die Anzahl und die Qualität der Arbeitsverhältnisse an der Universität hat, bewahrheitet sich damit bereits kurz nach seiner Unterzeichnung. Gleichzeitig sind, wie sich exemplarisch in den Diskussionen des Direktoriums zeigt, nicht alle Arbeitsverhältnisse gleichermaßen betroffen: Es sind vor allem die ohnehin schon prekär und schlechtbezahlten Beschäftigten, deren Situation sich weiter verschlechtert. Auch die tarifvertraglich abgesicherten und längerfristig Beschäftigten kommen jedoch nur mit einem ziemlich blauen Auge davon. Durch die mit den Kürzungen bei den wissenschaftlichen Hilfskräften wegfallenden Seminare kommen auch auf sie erhebliche Zusatzbelastungen zu. Seminare mit über 100 Studierenden waren vor Einführung der Lehrsondermittel eher Normalität als Ausnahme. Auch der bereits jetzt bestehende Druck, unbezahlte Mehrarbeit zu leisten, dürfte weiter steigen. Für alle nicht unmittelbar von der Kürzung der Tutor_innen­stellen betroffenen Studierenden hat die defensive Strategie des Instituts damit ebenfalls schwer­wiegende Auswirkungen: Die ohnehin schon schlechte Betreuungs­situation am Institut ver­schlechtert sich weiter, die zu großen Seminare lassen kaum Raum für individuelle Schwerpunkt­setzungen.

Wir fordern daher das Institut für Politik­wissenschaft auf, sich nicht mit dem Verweis auf vermeintliche Sachzwänge auf Kosten der prekär Beschäftigten aus der Affäre zu ziehen. Stattdessen halten wir es für notwendig, dass Studierende, prekär und tarifvertraglich Beschäft­igte und nicht zuletzt auch das Direktorium des Instituts für Politikwissenschaft offensive Strategien entwickeln, die einerseits die Interessen aller Statusgruppen und Beschäftigten einbeziehen und andererseits der Kürzungspolitik der hessischen Landesregierung vehementen Widerstand entgegen­setzen.

Join your local (Linke) Fachschaft.
Join your local Hilfskraftinitiative.
Angriff ist die beste Verteidigung.

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*Lehrsondermittel/Grundfinanzierung
Das Budget der hessischen Hochschulen besteht derzeit aus mehreren Komponenten: Der Grund­finanzierung, einem Leistungsbudget, Drittmitteln sowie den Studiengebühren­ersatz­mitteln (bzw. Lehr­sonder­mitteln). Über die Grundfinanzierung wird dabei die reguläre Finanzierung der Universität abgewickelt, die Studiengebührenersatzmittel werden gesondert davon innerhalb der Universität von Lehrsonder­mittel­kommissionen verteilt. Sie sind – unge­wöhnlich für die sonst von Professor_innen und Präsidium dominierte Hochschule – paritätisch mit Studierenden und Beschäftigten besetzt.

http://hilfskraftinitiative.blogsport.de
http://linkefachschaft.blogsport.de

Tagung: Periphere Staatlichkeit im Kontext globaler Kräfteverhältnisse

Periphere Staatlichkeit im Kontext globaler Kräfteverhältnisse
Tagung der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG), Marburg, 3.-5. Juni 2010

Vortrag: Geschichtspolitik und Nation

Di | 1.06.2010 | 18:30 UhrVortrag von Dr. Gerd Wiegel zum Thema ‘”Geschichtspolitik und Nation” im C-Turm (Raum 09C12)

Uniweite Hilfskraft-Vollversammlung

19.05., 18 Uhr im Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26): uniweite Hilfskraft-Vollversammlung

19.05., 18 Uhr im Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26): uniweite Hilfskraft-Vollversammlung

Einführung in die materialistische Staatskritik

Lesekreis der Gruppe D.i.s.s.i.d.e.n.t: Einführung in die materialistische Staatskritik Donnerstag | 13. Mai | 18.30h | Foyer der Phil-Fak

Filme: Mit einem Lächeln auf den Lippen (57 Min./ Deutsch und Spanisch mit deutschen Untertiteln) und Lotería (60 Min./ Spanisch mit englischen Untertiteln)

Mi | 26.05.2010 | 20 Uhr
Filme: Mit einem Lächeln auf den Lippen (57 Min./ Deutsch und Spanisch mit deutschen Untertiteln) und Lotería (60 Min./ Spanisch mit englischen Untertiteln)
Ort: Capitol in der Biegenstraße 8

Film: HausHaltHilfe – Arbeiten im fremden Alltag (92 Min./ deutsch, polnisch, spanisch u.a. mit deutschen Untertiteln) und anschließendes Filmgespräch mit der Regisseurin Petra Valentin

Do | 20.05.2010 | 20 Uhr
Film: HausHaltHilfe – Arbeiten im fremden Alltag (92 Min./ deutsch, polnisch, spanisch u.a. mit deutschen Untertiteln) und anschließendes Filmgespräch mit der Regisseurin Petra Valentin
Ort: Capitol in der Biegenstraße 8

Podium: Arbeiten in der Care-Lücke zwischen Helfer_innensyndrom und Arbeitskampf

Mi | 19.05.2010 | 20 Uhr
Podium: Arbeiten in der Care-Lücke zwischen Helfer_innensyndrom und Arbeitskampf
Annette Henninger (Uni Marburg), Karin Zennig/Nina Schritt (Tageselternprojekt GendA Uni Marburg) und FIB AssistentInnenvertretung Marburg
Ort: Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26)

Antifaschistische Stadtführungen der DGB-Jugend in Gießen

Im Sommer 1989 gab die DGB-Jugend Mittelhessen den antifaschistischen Stadtführer für Gießen heraus. Ziel war es, insbesondere jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich mit der Geschichte dieser Gegend auseinanderzusetzen, Lehren zu ziehen, um nie wieder die Fehler der Vergangenheit machen zu müssen.

Diese Broschüre war vor allem ein Leitfaden für Gruppenführungen, um in der Stadt Gießen die Spuren des Aufstiegs und Falls des Nationalsozialismus sowie des antifaschistischen Widerstandes zwischen 1933 und 1945 aufzuzeigen zu können. Hiervon wurde Anfang der neunziger Jahre auch rege Gebrauch gemacht – Führungen von Schulklassen, Jugendgruppen, Delegationen und frei ausgeschriebene Angebote gehörten zum Repertoire.

Diese Angebote werden im Zuge der Neuauflage des Stadtführers durch den DGB Mittelhessen wiederbelebt: Ab dem 1. April 2010 bietet die DGB-Jugend nun wieder solche Führungen an. Der Antifaschistische Stadtführer umfasst 26 Stationen der faschistischen Gewaltherrschaft in Gießen und bildet die Grundlage für die zwölfjährige Zeitreise zwischen 1933 und 1945.

„Der Anlass für die Erarbeitung des Stadtführers 1989 war der aufkeimende Neofaschismus und der 50. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf Polen am 1. September 1939″, sagt Max Fuhrmann, DGB-Jugendbildungsreferent in Hessen.

20 Jahre danach könne von einer Schwächung der extremen Rechten nicht die Rede sein. Der zunehmende zeitliche Abstand zu den Ereignissen des Nationalsozialismus und die veränderten Erinnerungsdiskurse in einem wiedervereinigten Deutschland haben zudem die Rahmenbedingungen für eine antifaschistische Bildungs- und Aufklärungsarbeit verändert.

Dem wird auch in der nun neu aufgelegten und stark überarbeiteten Auflage des antifaschistischen Stadtführers Beachtung geschenkt – insbesondere, warum 1933 die Eliten aus Wirtschaft, Militär, Politik und Medien der NSDAP und Adolf Hitler den Weg zur Macht politisch und finanziell eröffneten, warum nach der Machtübergabe am 30. Januar 1933 die Gleichschaltung des Staatsapparates und aller gesellschaftlichen Bereiche so schnell und reibungslos funktionierte und welche regionale Entwicklung die neofaschistische Szene Mittelhessens und ihrer Aktivitäten in den letzten 30 Jahren genommen hat.

„Unser zentrales Anliegen bleibt, mit der Erinnerungsarbeit ein Geschichtsbewusstsein zu vermitteln, das befähigt, Schlüsse über gesellschaftliche und politische Fehlentwicklungen zu ziehen, deren Auswirkungen in der Vergangenheit zu begreifen und daraus Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen“, sagt Fuhrmann.

Infos: DGB-Jugend Mittelhessen, Walltorstraße 17d, 35390 Gießen, Tel.: 0641/93 27 80, www.region-mittelhessen.dgb.de